Gipsabbau vernichtet Artengenom

Shownotes

Der Biodiversitäts-Hotspot 18 – der Südharzer Zechsteingürtel mit Kyffhäuser und Hainleite – zählt zu den 30 national prioritären Zentren biologischer Vielfalt Deutschlands. Sein niedersächsischer Anteil im Landkreis Göttingen, insbesondere das Naturschutzgebiet Gipskarstlandschaft bei Ührde (ca. 705 ha, FFH-Gebiet „Gipskarstgebiet bei Osterode“), beherbergt eines der artenreichsten und geomorphologisch einzigartigsten Sulfatkarstsysteme Europas. Hier existieren spezialisierte Populationen von Orchideen (u. a. Bienen-Ragwurz, Purpur-Knabenkraut), Amphibien (Kammmolch), Reptilien (Zauneidechse), Fledermäusen und reliktären Pflanzenarten, die an die extremen Standortbedingungen des Gipskarstes adaptiert sind.

Durch den genehmigten Dolomit- und Gipsabbau der Knauf-Tochter Rump & Salzmann – insbesondere die Erweiterung am Härkenstein und Blossenberg bis voraussichtlich 2090 – wird dieser Hotspot systematisch fragmentiert und reduziert. Was als streng geschütztes Gebiet ausgewiesen war, wird durch Holzeinschlag, Oberbodenabtrag und Sprengungen in eine Abbauzone umgewandelt. Die behördliche Freigabe (Staatliches Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig / untere Naturschutzbehörde Göttingen 2014/2015) und die begleitende Kompensationsvereinbarung mit BUND- und NABU-Funktionären haben diesen Prozess politisch und institutionell legitimiert.

Habitatzerstörung dieses Ausmaßes trifft nicht nur Individuen und Populationen, sondern das Artengenom selbst.

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00:00:00: Also stellen Sie sich mal vor, sie betrachten eine extrem seltene Orchidee in voller Blüte.

00:00:07: Sie leuchtet pur pur rot im Sonnenlicht, wirkt kräftig und naja völlig gesund aber in Wahrheit ist sie längst ein Walking Dead also eine wandelnde Leiche.

00:00:19: Weil ihr genetisches Fundament im Verborgenen bereits so stark beschädigt ist, dass diese gesamte Population unweigerlich aussterben wird.

00:00:27: Völlig egal die grünen Blätter heute noch

00:00:29: wirken.".

00:00:30: Ganz genau!

00:00:31: Und damit willkommen zu The Debate – dem Diskursformat in dem wir die drängendsten Konflikte unserer Zeit durch die Linse gegensätzlicher aber fundierter Perspektiven analysieren.

00:00:41: Wir sprechen heute über einen Fall der uns eigentlich zwingt unseren gesamten Blick auf den Naturschutz infrage zu stellen.

00:00:48: Ja, es geht um den Biodiversitäts-Hotspot Achtzehn im Südharzer Zechsteingöttel.

00:00:53: Genauer gesagt um den behördlich genehmigten Dolomit und Gipsabbau durch das Unternehmen Rumpf & Salzmann...

00:00:59: Eine Tochter in die Gesellschaft des Knaufkonzerns richtig!

00:01:02: Genau, mitten im Naturschutzgebiet bei Irde.

00:01:06: Und es ist ein Abbau der bis ins Jahr zwei Tausend neunzig andauern soll

00:01:11: Was wirklich eine gewaltige zeitliche Dimension ist.

00:01:14: Und das bringt uns direkt zu der zentralen Frage, die wir hier heute aufdröteln müssen.

00:01:19: Stellt die Umwandlung dieses streng geschützten FFH-Gebiets in eine aktive Abbauzone ein katastrophales unverzeihliches Versagen von Politik und Wirtschaft dar?

00:01:28: Vernichten wir unser evolutionäres Erbe sehenden Auges

00:01:33: oder... Und das ist die andere Seite der Medaille, zeigt sich hier schlicht die komplexe institutionelle Realität in der veraltete rechtliche Kompensationsmechanismen unweigerlich auf moderne genetische Erkenntnisse prallen.

00:01:47: Richtig!

00:01:49: Ich werde heute darlegen dass dieser Abbau ein beispielloses Totalversagen darstellt.

00:01:54: Ich meine hier wird für kurzfristige Rohstoffgewinnung

00:02:03: Und ich werde die Position vertreten, dass dieser Abbau so schmerzhaft die biologischen Konsequenzen auch sind kein finsteres Komplott der Industrie ist.

00:02:13: Es ist das Ergebnis eines völlig legitimen rechtsstaatlichen Prozesses – der paradoxerweise sogar von großen Naturschutzorganisationen mitgetragen wurde.

00:02:23: Naja!

00:02:23: Dieser Fall offenbart nicht primär die Gier der Wirtschaft sondern die tiefen konzeptionellen Schwächen unserer Naturschutzgesetze.

00:02:30: Dann lassen Sie uns direkt mal die Dimensionen dieses Gebiets klären, damit jeder versteht worüber wir hier eigentlich reden.

00:02:37: Der Biodiversitäts Hotspot-Achzehn gehört zu den dreißig national prioritären Zentren der biologischen Vielfalt in ganz Deutschland.

00:02:46: Wir reden hier von der absoluten Champions League speziell das niedersächsische Gebiet bei Uerde um fast etwa siebenhundert fünf Hektar.

00:02:55: Das ist eines der der geomorphologisch einzigartigsten Sulfatkast-Systeme Europas.

00:03:02: Vielleicht sollten wir in dieser Stelle kurz erklären, was dieses Gestein also dieser Gipscast eigentlich so besonders macht?

00:03:09: Gips ist ja extrem wasserlöslich!

00:03:11: Genau das ist der entscheidende Mechanismus.

00:03:14: Wenn Wasser über Jahrtausende durch das Gesteinsickert löst es den Gips auf.

00:03:19: Es entstehen unterirdische Höhen die irgendwann einfach einbrechen.

00:03:25: Richtig, und so bilden sich sogenannte Erdfälle-und tiefe Dolinen.

00:03:28: Das ist ja keine Flachgewiese!

00:03:30: Absolut nicht – das ist eine zerrissene, extreme Landschaft mit Mikroklimata.

00:03:36: In so einer Doline kann es feucht und kühl sein und nur wenige Meter weiter oben auf einer Felskante ist es extrem trocken und heiß.

00:03:44: Und genau diese Extreme zwingen die Natur zu massiven Anpassungsleistungen.

00:03:50: Ja, deshalb finden wir dort ja diese hochspezialisierten Populationen.

00:03:54: Wir haben Orchideen wie die Bienenrakwurz und das Purpur-Knabenkraut.

00:03:58: Wir habe den Kammwolch, wir haben seltene Zaunaldexen, spezialisierte Fledermäuse und historische Reliktpflanzen.

00:04:07: Und was passiert dort jetzt, am Herkenstein und am Blossenberg?

00:04:11: Durch die Erweiterung des Abbaus rücken Planierraupen an.

00:04:14: Der Wald wird gerodet der Oberboden abgetragen und dann wird das Gesteinschlicht weg weggesprengt.

00:04:20: Hier verschwinden nicht einfach ein paar Bäume.

00:04:22: Das Atengenom selbst wird ausradiert Aber Politik und Wirtschaft setzen den Rohstoff einfach über unsere evolutionäre Substanz.

00:04:30: Also

00:04:30: Die Zerstörung dieser spezifischen Lebensräumen durch den Abbau ist ein Fakt, den niemand leugnen kann.

00:04:36: Die Habitatfragmentierung ist gravierend.

00:04:39: Aber wir müssen uns doch ansehen, in welchem Rahmen das passiert?

00:04:43: Dieser Abbau am Herkenstein und Blossenberg ist nicht illegal!

00:04:46: Nein aber...

00:04:47: Er wurde aus den Höchsten Instanzen von oben bis unten geprüft.

00:04:53: Das staatliche Gewerbeaufsichtsamt Braunschweig und die unteren Naturschutzbehörde in Göttingen haben das explizit genehmigt.

00:04:59: Was diese Dach aus meiner Sicht nur noch viel schlimmer macht.

00:05:02: Aber es zeigt auch dass wir hier nach den Regeln unseres Rechtssystems spielen.

00:05:06: Und jetzt kommt das eigentliche Paradoxon.

00:05:08: Wissen Sie, wer die Verträge unterschrieben hat?

00:05:10: Die regeln wie dieser Eingriff in die Natur kompensiert wird?

00:05:13: Ja leider!

00:05:14: Das Landes... Das zwingt uns doch zu der Erkenntnis dass das Problem nicht einfach böse Wirtschaft gegen gute Natur lautet.

00:05:23: Unser System misst Naturschutz nun mal in Hektar und Quadratmetern.

00:05:27: Es gibt rechtlich verankerte Ausgleichsmaßnahmen.

00:05:31: Die moderne Populationsgenetik kommt im Gesetzestext schlicht nicht vor.

00:05:36: Dass das Gesetz veraltert ist, entbindet wirklich niemanden von der moralischen und ökologischen Verantwortung.

00:05:44: Weder die Behörde, die den Stempel drückt noch das Unternehmen das sprengt!

00:05:48: Lassen Sie uns das mal mechanistisch aufdröseln?

00:05:51: Gerne.

00:05:52: Weil

00:05:52: das Wort Flächenausgleich klingt immer so schön beruhigend als wäre alles in bester Ordnung.

00:05:58: Warum greift dieser Ausgleich bei diesen speziellen Castarten absolut ins Leere?

00:06:03: Weil diese Arten, wie wir vorhin sagten in diesem winzigen Mikroklimater der Erdfälle feststecken.

00:06:09: Es sind biologische Inseln.

00:06:11: Richtig!

00:06:12: Wenn man nun einen Teil des Berges abträgt heißt man unüberwindbare Lücken zwischen diesen Inselen.

00:06:17: die räumliche Trennung unterbindet sofort den Genfluss.

00:06:21: Insekten können den Pollen der Orchideen nicht mehr über diese weiten, staubigen Abbauflächen transportieren.

00:06:28: Tiere wie der Kambulch können nicht mehr wandern!

00:06:31: Der Austausch stoppt.

00:06:33: Und was passiert dann in diesen isolierten Restbeständen?

00:06:36: Wir bekommen genetische Drift- und Inzuchtdepression, also

00:06:39: im Grunde eine erzwungene Paarung unter nahem Verwandten.

00:06:42: ganz genau auf genetischer Ebene steigt die Homozygurtie vereinfacht gesagt Die genetischen Vielfalt in dieser kleinen Gruppe schwindet extrem schnell weil identische oft fehlerhafte Genkopien aufeinandertreffen und sich durchsetzen.

00:06:57: Die Pflanzen oder Tiere verlieren ihre evolutionäre Fitness.

00:07:02: Ihre Reproduktionsraten brechen ein, sie werden anfällig verkrankheiten und können sich an Klimastress nicht mehr anpassen.

00:07:11: Wir verlieren dort sogenannte private Haplopimpen.

00:07:15: Das müssen wir vielleicht kurz definieren.

00:07:17: für diejenigen, die nicht tief in der Genetik stecken?

00:07:20: Ja klar!

00:07:21: Ein privater Haplotyp ist eine spezifische genetische Signatur eine DNA-Variante, die sich über Jahrtausende nur in exakt dieser einen lokalen Population im Harz entwickelt hat.

00:07:35: Wenn diese Gruppe stirbt ist diese genetische Information weltweit unwiederbringlich weg.

00:07:41: Absolut!

00:07:41: Und was bietet das Gesetz als Ausgleich an?

00:07:45: Irgendwelche Standardhecken oder Streuobstwiesen an anderer Stelle?

00:07:50: Ich meine... Das ist so, als würde man ein historisches völlig einzigartiges Archiv niederbrennen in dem Originaldokumente aus den Mittelalterlagern.

00:07:58: Und als Entschädigung baut man eine nagelneue leere Lagerhalle.

00:08:02: Die Quadratmeterzahl ist gerettet aber die unersetzliche Information ist zu Asche zerfallen.

00:08:08: Wow!

00:08:09: Also die Metapher mit dem Archiv und der leeren Lagerhall trifft das populationsgenetische Problem wirklich perfekt?

00:08:15: Das streite ich auch gar nicht ab.

00:08:17: Naja immerhin.

00:08:18: Aber lassen Sie uns auf die Realität der Behörden schauen.

00:08:21: Richter und Verwaltungsbeamte sind keine Evolutionsbiologen, sie brauchen juristisch belastbare messbare Metriken.

00:08:28: Und hier spielt ein Konzept aus unserem Quellmaterial eine riesige Rolle das wir vorhin mit der Orchidee schon angedeutet haben Die Extinction Dead zu Deutsch die Extinktionsschuld Ja!

00:08:37: Ein absolut zentraler Begriff in der modernen Erhaltungsgenetik.

00:08:42: Genau Nehmen wir an Wir blicken nachts in den Himmel und sehen einen hellen Stern.

00:08:48: Wir glauben, er existiert weil wir sein Licht sehen.

00:08:51: In Wahrheit ist dieser Stern aber vielleicht schon vor Millionen Jahren explodiert und erloschen.

00:08:56: nur sein Licht war eben so lange zu uns unterwegs.

00:08:59: Ähnlich ist es mit der Extinktionsschuld bei langlebigen Arten.

00:09:03: Die Orchideen im Zeigsteingürtel sind ein perfektes Beispiel dafür.

00:09:07: Ja genau eine solche Orchidenpopulation stirbt nicht sofort wenn der Steinbruch nebenan eröffnet wird.

00:09:13: Sie blüht vielleicht noch dreißig, vierzig Jahre weiter.

00:09:17: Aber durch den fehlenden Genfluss, den sie ja gerade beschrieben haben, akkumuliert sie unsichtbare genetische Schäden.

00:09:23: Sie ist ein Walking Dead.

00:09:24: Öde

00:09:25: im Jahr zwei Tausend Vierzehn.

00:09:27: Ein Bergbauunternehmen kommt mit extrem teuren geologischen Gutachten und pocht auf sein Recht dort Gips abzubauen.

00:09:34: Das Unternehmen zeigt auch reale wirtschaftliche Schäde wenn sie nicht abbauen dürfen.

00:09:39: Wie soll eine Behörde diesen Völlig unsichtbaren, erst in Jahrzehnten eintretenden genetischen Kollaps juristisch gegen handfeste Eigentums- und Abbaurechte abwägen.

00:09:49: Unser Rechtssystem verlangt nun mal den Beweis für unmittelbare Schäden – es ist blind für evolutionäre

00:09:55: Zeiträume.".

00:09:57: Wissen Sie?

00:09:58: Ich verstehe die Mechanik hinter Ihrem Argument völlig!

00:10:02: Aber dass das Rechtssystem blind ist, ist mir eine viel zu bequeme Ausrede….

00:10:07: Wieso das?

00:10:07: Weil

00:10:07: es die Akteure zu hilflosen Opfern eines bösen Systems macht.

00:10:12: Wir reden hier von einer bewussten politischen Prioritätensetzung, Die Wissenschaft kennt das Konzept der Extinktionsschuld ja nicht erst seit gestern – die Beweise liegen auf dem Tisch!

00:10:22: Wenn das so unklar wäre, warum gibt's dann diese absurden

00:10:24: Laufzeiten?!

00:10:25: Naja... Eine Genehmigung bis in das Jahr two-tausend neunzig Das ist ein Freifahrtschein für die nächsten sechs Jahrzehnte, weil

00:10:33: Industrieunternehmen Planungssicherheit für Millionen Investitionen brauchen.

00:10:36: Aber

00:10:36: zu welchem Preis?

00:10:38: Wir haben in unserem Material einen perfekten Vergleich der Beweis dass es eben doch eine politische Entscheidung ist und kein Naturgesetz.

00:10:45: Schauen Sie mal über die Landesgrenze nach Sachsen-Anhalt.

00:10:48: Dort hat man denselben Zechsteingürtel.

00:10:51: Ja, das Biosphärenreservat.

00:10:53: Exakt!

00:10:53: Die Landespolitik dort hat das Bio-Sphären-Reservat Karstlandschaft Südharz etabliert und den Abbau weitgehend gestoppt.

00:11:02: Man hat den unwiderbringlichen Wert der Genetik über den kurzfristigen Wert des Gipses gestellt.

00:11:09: In Niedersachsen hingegen, speziell im Landkreis Göttingen entscheidet man sich aktiv und sehenden Auges dafür, den Abbau durchzuwinken.

00:11:19: Das ist kein Verwaltungsversehen – man opfert das Evolutionäre Archiv ganz bewusst für Rohstoffe!

00:11:26: Jetzt fragen sich unsere Zuhörerinnen und Zuhörer vielleicht, warum man sich überhaupt so über Gips aufregt.

00:11:31: Wir brauchen das doch nicht für Luxusgüter!

00:11:33: Gips ist fundamental für den Wohnungsbau, für Trockenbauwände, für die Infrastruktur und äh... ...für die gesamte industrielle Transformation.

00:11:43: Es gibt eine massive gesellschaftliche Nachfrage Und das bringt mich zurück zu den Naturschutzverbänden.

00:11:49: Zu Bund und Nabu.

00:11:52: Glauben Sie allen Ernstes, die Funktionäre dort wachen morgens auf und sagen sich – hey heute vernichten wir mal das Genom des Kambolchs?

00:12:00: Natürlich nicht.

00:12:02: Aber sie lassen sich vor den Karren einer Industrie spannen, die exakt das tut!

00:12:07: Nein, sie agieren schlicht pragmatisch innerhalb der harten Realität unseres Wirtschaftssystems.

00:12:13: Wenn das Bergrecht und die Eigentumsrechte dem Unternehmen Rump-und Salzmann den Abbau nunmal grundsätzlich gestatten Dann ist das rechtliche Fundament gegossen.

00:12:22: Ja, aber ...

00:12:23: Die Verbände stemmen vor der Wahl.

00:12:26: entweder Sie verlieren vor Gericht alles oder sie setzen sich an den Tisch und verhandeln Schadensbegrenzung.

00:12:33: Dann handeln sie Hecken, Streuobstwiesen und Ersatzhabitate aus.

00:12:38: Das System zwingt sie in diesen Kompromiss.

00:12:41: Wenn wir fordern, dass die genetische Integrität ein absolutes Stoppschild für jegliche wirtschaftliche Tätigkeit sein soll, dann müssten wir das gesamte bürgerliche Gesetzbuch und unsere Verfassung umschreiben.

00:13:10: Keine Aufhebung.

00:13:11: Wir normalisieren hier die systematische Vernichtung unter dem Deckmantel des Pragmatismus und das hat Folgen weit über ein paar Hektar in Niedersachsen hinaus.

00:13:21: Lassen Sie uns über die wissenschaftliche Bedeutung sprechen, der Gipscast ist ein evolutionäres Freiluftlabor.

00:13:28: Wie meinen sie das ganz konkret?

00:13:30: Diese

00:13:30: sevenhundertfünf Hektare bei URDE sind für die gesamten Life Sciences für die Biodiversitätsforschung ein unersetzliches Modellsystem.

00:13:38: Wir können dort quasi in Echtzeit studieren, wie sich Reliktlinien an extreme Substrate anpassen.

00:13:44: Die Arten dort haben von Natur aus schon sehr kleine effektive Populationsgrößen – sie leben am Limit!

00:13:53: Wenn wir jetzt beobachten könnten, wie diese Populationen auf natürlichem Klima Stress reagieren, könnten wir unfassbar viel darüber lernen, wie Überlebensstrategien in extremen Nischen funktionieren.

00:14:05: Wissen das uns im globalen Klimawandel enorm helfen könnte!

00:14:09: Aber stattdessen sprengen wir dieses Labor einfach in die Luft – bevor wir die Ergebnisse überhaupt ablesen können.

00:14:15: Durch den Abbau drücken wir diese kleinen Population unter kritische Schwellenwerte von denen sie sich nie mehr erholen.

00:14:21: Okay, also die wissenschaftliche Faszination und den enormen Wert dieses Freiluftlabor akzeptiere ich vollkommen.

00:14:29: Es ist ein Juwel aber ich stelle mal die pragmatische Gegenfrage bitte kann eine dicht besiedelte Industrienation die dringend Wohnraum- und Infrastruktur bauen muss jedes wissenschaftlich interessante Ökosystem einfrieren wie ein Museumsstück Vor allem dann, wenn rechtsbindende Verträge bis zu zwei Tausend neunzig schon unterschrieben sind.

00:14:51: Hier bringt der Staat ja die Renaturierung ins Spiel!

00:14:55: Aber Renaturierungen funktioniert bei Cast-Systemen doch überhaupt nicht.

00:14:58: Moment, moment... Lassen Sie uns das kurz aufdröseln?

00:15:02: Natürlich können wir die komplexen Cast-Spalten und tiefen Erdfälle nicht künstlich wiederaufbauen.

00:15:08: Wenn der Blosenberg einmal abgetragen ist, ist das Gestein weg

00:15:11: Eben.

00:15:12: Aber Renaturierung ist der Versuch, unserer Gesellschaft die klaffenden geomorphologischen Wunden zumindest an der Oberfläche zu heilen.

00:15:19: Man legt Böschungen an und begrünt die Flächen.

00:15:22: Man versucht Wirtschaft- und Landschaftsbild irgendwie

00:15:25: auszubalancieren.".

00:15:27: Da

00:15:27: müssen wir genauer hinsehen – denn genau hier liegt der gewaltige Trugschluss dieser ganzen Ausgleichspolitik!

00:15:34: Diese sogenannte landschaftliche Heilung ist rein kosmetischer Natur….

00:15:40: Sie verschleiert den eigentlichen, endgültigen Verlust.

00:15:44: Inwiefern?

00:15:45: Erinnern wir uns an die Doline mit ihrem spezifischen Mikroklima.

00:15:50: Wenn sich die Bienenragwurz über Jahrtausende genauer in die Feuchtigkeit und Bodenbeschaffenheit diese einen Doline am Herkenstein angepasst hat, dann steckt diese Information in ihrer DNA.

00:16:02: Wenn der Bagger diese Doline abträgt wird die Festplatte gelöscht.

00:16:07: Wenn Sie zehn Jahre später an derselben Stelle eine künstliche Halde aufschütten und Standard Saatgut aus dem Baumarkt ausbringen, haben sie vielleicht etwas Grünes geschaffen.

00:16:17: Aber es hat mit dem ursprünglichen Ökosystem absolut nichts mehr zu tun – das Atengenom bleibt vernichtet!

00:16:24: Der Bergbau operiert auf einer tiefen geologischen und evolutionären Skala der Zerstörung.

00:16:30: Die Renaturierung kratzt nur oberflächlich an der Vegetation.

00:16:34: Ich verstehe Ihren Frust wirklich Aber sie personalisieren hier ein strukturelles Problem.

00:16:41: Die Tragik liegt im System selbst, wir stecken in einer institutionellen Fahrtabhängigkeit fest.

00:16:48: Solange unser Zivilrecht dem Eigentum an Boden schätzen diesen enormen rechtsstaatlichen Schutz einräumt verwalten die Behörden und selbst die Naturschutzverbände nur die Realität nicht die Utopie!

00:17:07: Ja.

00:17:07: Wir werden in dreißigvierzig Jahren sehen, wie diese Orchideen und Molche in diesem Gebiet lautlos verschweden – obwohl das Habitat auf dem Papier durch irgendwelche Ersatzflächen vielleicht sogar formal gewachsen ist!

00:17:21: Aber dass als böswilliges moralisches Totalversagen von Rumpf- und Salzmann oder der Lokalpolitik in Göttingen zu Brand markt, ist einfach nicht zutreffend.

00:17:30: Sie operieren exakt in dem Rahmen den unsere Gesellschaft ihnen Durchgesetze vorgibt….

00:17:36: Wir haben heute viel tiefer erreicht.

00:17:38: Daher lassen Sie uns, da wir uns dem Ende unserer Zeit nähern unsere Positionen zusammenfassen.

00:17:44: Für mich ist es und bleibt das was im Südharzer Gipskast passiert ein absolut unverzeihliches Versagen von Politik und Wirtschaft.

00:17:53: unter den bequemen Deckmantel von rechtlich abgesegneten aber ökologisch völlig wirkungslosen Kompromissen zerstören wir unwiederbringliche evolutionäre Archive.

00:18:04: Wir wissen um die Extinktionsschuld, wir kennen die Genetik und dennoch stellen wir Genehmigungen bis ins Jahr zwei Tausend neunzig aus.

00:18:12: Sachsen-Anhalt hat bewiesen das politischer Wille dieses Schicksal abwenden kann.

00:18:18: Niedersachsen wählt sehenden Auges die Zerstörung des Artengenoms hochspezialisierter Lebensgemeinschaften nur um an Billing-Gibs zu

00:18:26: kommen.".

00:18:27: Und mein Resümee fällt deutlich weniger moralisierend sondern systemisch aus?

00:18:32: Dieser Fall ist schmerzhaft, absolut.

00:18:34: Aber er zeigt uns keine Verschwörung der Industrie?

00:18:37: Er zeigt drastisch auf dass unsere Instrumente des Umweltrechts massiv veraltet sind.

00:18:43: Ja das stimmt.

00:18:44: Wir

00:18:44: haben eine Gesetzgebung die Quadratmeter verwaltet und Hecken pflanzt Während unsichtbare extrem komplexe evolutionäre Prozesse unter der Oberfläche unbemerkt zusammenbrechen.

00:18:56: Die Genehmigungen und Verträge, selbst die der NGOs beweisen dass der Abbau institutionell voll legitimiert ist.

00:19:03: Auch wenn er biologisch verheerend wirkt.

00:19:05: Wir stecken in einem strukturellen Dilemma zwischen Wirtschaftsrecht und moderner Populationsgenetik

00:19:11: In der wissenschaftlichen Diagnose sind wir uns also vollkommen einig.

00:19:15: Die Habitantfragmentierung zerstört den Genfluss, die genetische Erosion ist im vollen Gange und die Extinktionsschuld wird diese Bestände in den kommenden Jahrzehnten unwiderruflich ausradieren.

00:19:27: Unser Dissens liegt eigentlich nur in der Bewertung der Schuldfrage.

00:19:31: Richtig!

00:19:32: Liegt die Schuld beim moralischen Versagen von Akteuren, Oder liegt die Schuld im Fundament unseres Rechtssystems, das gar nicht in der Lage ist, Genetik juristisch zu bewerten?

00:19:46: Und dass es die tiefe Fragestellung, die unser Quellmaterial aufwirft und die zeigt, dass hier noch längst nicht alles ausdiskutiert ist.

00:19:54: Es ist eine Frage, die wir an unsere Zuhörerinnen und Zuhörer weitergeben.

00:19:59: Sollten wie Orte wie den Hotspot-Achzehn primär als nützliche Rohstofflager betrachten, Oder müssen wir endlich anfangen, sie als unantastbare evolutionäre Archive zu begreifen?

00:20:14: Denn diese Frage müssen wir uns als Gesellschaft beantworten.

00:20:17: Wenn wir das einzigartige historische Archiv erst einmal niedergebrannt haben – was nützt uns dann am Ende die größte und best geplante leere Lagerhalle der Welt?

00:20:26: Ein wirklich starkes Bild zum Schluss!

00:20:29: Wir bedenken uns für Ihre Zeit und das gemeinsame Nachdenken.

00:20:32: Das war The Debate.

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